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Wieder gefühlte 18 – Ich mache meinen US-Führerschein

Eigentlich wollte ich ja nur einen Ausweis, als ich mich auf den Weg zu meinem Termin beim DMV (Department of Motor Vehicles) begab. Das DMV bietet allen Einwohnern eines jeweiligen Bundesstaats Serviceleistungen rund um Fahrzeugdokumente sowie die Bearbeitung von Ausweisdokumenten an. Hier erhält man unter anderem die Florida ID Card, für die ich einen Termin im online Portal vereinbart hatte. Diesen Termin hatte ich drei Wochen im Vorhinein gebucht, da die übrigen Termine restlos vergeben waren. Das erinnerte mich schnell an die Vorlaufzeit für einen Termin bei einem beliebigen Bürgeramt in Berlin. Da waren es nicht selten Monate! 

Wie auch immer, für meinem Termin hatte ich Nachweise vorbereitet, die nötig waren, um einen Ausweis zu erhalten. Dazu zählten der Schein mit meiner US-Sozialversicherungsnummer, mein Reisepass mit meinem gültigen O1-Visum und zwei Belege für meine US-Adresse. Hierfür sind offizielle Dokumente wie ein Mietvertrag, Arbeitsvertrag oder ein Kontoauszug möglich. 

Um 11.15 Uhr sollte der Termin stattfinden. Da ich keineswegs zu spät kommen und einen neuen Termin vereinbaren wollte, der drei Wochen in der Zukunft liegen würde, kam ich 15 Minuten früher im DMV an. Vor dem Büro befand sich bereits eine gewaltige Ansammlung von Menschen. Ich war etwas erstaunt und auch besorgt, ob es sich bei dieser langen Schlange, die irgendwann hinter der Ecke des Gebäudes verschwand, um die Schlange für Termine handelte. Ich ging also erstmal an den Menschenmassen vorbei und direkt durch die Tür in das Gebäude hinein. Zur Überraschung gab es auch hier weitere Schlangen. Von der Decke hingen Schilder, die die eine Schlange für die Wartenden ohne Termin deklarierte und die andere für Wartende mit Terminen. Ich musste etwas schmunzeln, als ich mich selbstbewusst in die absolut leere Schlange für Termine stellte und eine Dame mich ansprach, dass das Ende der Schlange dort hinten sei. Im selben Moment rief eine Dame vom Schalter mir zu und fragte, ob ich einen Termin hätte. Natürlich! Sonst würde ich ja nicht hier unter diesem Schild stehen. Nach einer Wartezeit von einer Minute hielt ich meinen Schein mit einer Nummer in der Hand, die zu meiner Freude nur drei Nummern von der Zahl an der digitalen Anzeigetafel entfernt war. Die Frau, die mich zuvor aus der Schlange angesprochen hatte, guckte jetzt recht verdutzt. Ziemlich "deutsch" dachte ich dann: "So ist das halt, wenn man keinen Termin macht", und setzte mich zufrieden in den separierten Bereich für Terminkunden. Nach zwanzig Minuten kam ich an die Reihe und breitete meine Dokumente auf der Ablage des Schalters aus. Die Sachbearbeiterin frage mich nun, ob ich nur eine Florida ID-Card, praktisch vergleichbar mit dem deutschen Personalausweis oder einen Führerschein haben wolle, da dieser sowohl als Fahrerlaubnis als auch Personalausweis in den USA fungiert. Insofern man einen gültigen, deutschen Führerschein besitzt, muss man nämlich nur die theoretische Prüfung ablegen. Sie fügte hinzu, dass der erste Versuch dieser Prüfung kostenfrei sei. Ich überlegte kurz. Ich hatte zwar einen internationalen Führerschein, jedoch würde sich ein US-Führerschein, der gleichzeitig Ausweisdokument ist lohnen, da ich häufig mit dem Auto unterwegs war und als Florida Resident, also Anwohner, rein rechtlich gesehen auf kurz oder lang eh einen US-Führerschein benötigte. Also sagte ich ja. Probieren kann man es ja. Kostet ja nichts.

Selbstverständlich hatte ich mich für diesen Test keineswegs vorbereitet, weil ich nur einen Ausweis ausgestellt bekommen wollte.

Meine erste Führerscheinprüfung war exakt 10 Jahre her! Ein bisschen rückversetzt fühlte ich mich dann schon. Ich war 18 Jahre alt, als ich damals meinen Führerschein bestand. Ich setzte mich also an den PC, der in einem nicht abgetrennten Raum, ohne Sichtschutz zwischen den anderen PCs stand. Das Getümmel, dass sich draußen abspielte, war übrigens in dem Gebäude das Gleiche. Durch die vielen Menschen war es eng und relativ laut. Für den 50 Fragen umfassenden Test wurden 60 Minuten gewährt. Ich klickte auf Start. Schnell bemerkte ich, dass der Spanisch sprechende Jüngling neben mir, ein ganz Raffinierter im Spicken war. Ich sah, dass sein Handy auf seinem Schloß lag. Ein Bluetooth Headset befand sich auf der Seite des Ohres, dass nicht Richtung Innenraum zeigte, denn Betrug war natürlich verboten. So richtig kontrollierte das allerdings niemand. Ab und zu ermahnte ihn jedoch die Dame vom Schalter nebenan. Anscheinend laß er die Fragen vor und die Person am Telefon gab ihm die korrekte Antwort durch. Man kann sich vorstellen, dass ich dieses zusätzliche Getuschel als störend empfand. Besser wurde es aber, als hinter mir das Telefon des anderen Prüflings klingelte und dieser sogar antwortete. Da kam dann fast die Lehrerin in mir durch. Nun ja, das Gute an der multiple choice Prüfung war, dass man sofort sehen konnte, ob man eine Frage falsch oder richtig beantwortet hatte. Auch die Fehlerpunkte waren aufgeführt. Bei 11 Fehlern fiel man durch. Ein bisschen Respekt hatte ich dann doch, schließlich beschäftigten sich Kurse in der High School für ein ganzes Schuljahr mit diesem Kram bevor es mit einem Lehrer zur Fahrprüfung ging. Klar wusste ich wie man Auto fährt, aber meine letzte Theorieprüfung lag eine Dekade zurück und außerdem gab es in den USA spezifische Regeln und Schilder, die sich von denen in Deutschland unterschieden. 

Ein Blick in das DMV Handbuch wäre daher wahrscheinlich als Vorbereitung nicht verkehrt gewesen. Aber wie gesagt, eigentlich wollte ich ja nur meine Florida ID-Card abholen. Ich klickte mich durch die Fragen. Manche waren wirklich lächerlich simpel: Darf man seinen Arm auf dem Fensterrahmen ablegen, egal ob das Fahrzeug steht oder fährt? Und bei anderen musste ich wiederum mehrmals die Antworten lesen, da viele Fachausdrücke verwendet wurden. Was ich schlichtweg nicht wusste war zum Beispiel, dass man in den USA als Radfahrer eine Linksabbiegung mit dem rechten Arm in U-Form nach oben gerichtet anzeigt. In Deutschland streckt man einfach den linken Arm aus und zeigt somit an, das man links abbiegt. Dieses Vorgehen empfand ich als durchaus umständlich, aber wahrscheinlich ist dies meiner Sozialisierung geschuldet. Etwas nervös wurde ich, als ich die Fehleranzahl nach oben steigen sah. Ich hatte wohl zu leichtfertig umher geklickt. Als mir der Ernst der Lage wieder bewusst wurde, lief es wieder. Ich hielt meine Fehlerpunkte konstant bei 9 bis ich die letzte Frage beantwortete. Meinen US-Führerschein hatte ich somit bestanden! Ein bisschen stolz war ich schon, gelernt oder kurz vorher mal ins Handbuch geschaut hatte ich ja nicht. Nach einem schnellen Sehtest, Fingerabdruck und Foto wurde der Führerschein frisch gedruckt. Da war er, mein Ausweis, ein weiteres Stück meiner Identität in den USA, wenn auch befristet. Anders als in Deutschland ist der US-amerikanische Führerschein zeitlich begrenzt, sodass man diesen meist nach 5 Jahren verlängern muss. 

 

Habt ihr einen Führerschein im Ausland absolviert oder gar in den USA, aber in einem anderen Bundesstaat? Wie ist es bei euch gelaufen? 

Und noch etwas: Kommentiert gerne eure Vermutungen, was die oben aufgeführten Schilder bedeuten könnten. Aber ohne zu spicken. ;) 

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Comments: 2
  • #1

    Betti (Monday, 01 October 2018 01:58)

    Herzlichen Glückwunsch!!

  • #2

    Anne Julia (Monday, 01 October 2018 12:07)

    Danke sehr! :)