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Als Model in den USA

„Aller Anfang ist schwer“, das hat schon Karl Marx gewusst. Bevor also der „Rubel rollt“, muss investiert werden, nicht nur in die Kosten für das beliebte O1-Visum, um in den USA arbeiten zu dürfen, sondern auch in das eigene Kapital, in diesem Falle das äußere Erscheinungsbild und dessen Repräsentation und letztlich in Zeit und Muße. 

Folglich bedurfte es nach Erhalt meines Visums für Personen mit besonderen Fähigkeiten kleiner aber essentieller Schritte, die für sowohl Newcomer Models als auch Models, die in den USA arbeiten wollen, aber auch alle anderen Leser interessant sein könnten. 

 

Zunächst benötigte ich neues Material, damit sind aktuelle Fotos gemeint, die sowohl den Zeitgeist oder Trend in der Model-Industrie widerspiegeln als auch den eigenen physischen Zustand gut darstellen. Da ich in meiner Agentur Wilhelmina Models in der Kategorie Curve vertreten bin, ist es wichtig die Kurven und Formen des Körpers betont auf Bildern festzuhalten. In der Regel sollte man darum zu Beginn sogenannte Testshootings organisieren. Im Idealfall plant diese die Modelagentur und macht hierfür auch Vorschläge für mögliche Fotografen. Hier gibt es drei Szenarien: Erstens, professionelle Agenturen strecken zumeist die Kosten für das Testshooting vor oder zweitens, übernehmen diese sogar, weil sie Fotografen angestellt haben oder drittens, man trägt diese Kosten selbst. Bei den gängigen Preisen handelt es sich um ca. 600 USD pro Testshoot, Styling und Make-up inbegriffen. Man sollte in jedem Falle mindestens zwei Tests shooten, ein Bikini/Lingerie Test und ein Fashion/Editorial Test. 

Die obigen Fotos sind Resultate von einem Testshooting mit dem New Yorker Fotografen Steve Mendez. 

Außerdem sollte man regelmäßig bei seiner Agentur vorbei schauen, um seine Polas oder Digishots auf dem neusten Stand zu halten. Diese „rohen“ Fotos sind unbearbeitet und werden potentiellen Kunden geschickt, um jenen möglichst neutral das Model zu präsentieren. Deshalb werden schlichte Outfits gewählt, vorzugsweise werden Jeans und ein schwarzes Top für diese Art von Fotos getragen. 

Die Polas stammen von der Women's Board Managerin Crystal Alves von Wilhelmina Miami.

Neben den Testshootings und den regelmäßigen Polas kommen Castings hinzu. In Miami gibt es für mich monatlich ca. vier Castings. Während der populären Miami Swim Week Mitte Juli befindet sich die Stadt allerdings im Ausnahmezustand, sodass während dieser Zeit mehrere Castings täglich anfallen. Hierbei gilt: Maniküre, Pediküre und wer es benötigt, Spray-Tanning.

Man sollte sich auf jeden Fall im Klaren darüber sein, dass man nur für einen Bruchteil der Castings auch tatsächlich gebucht wird. Dies liegt schlichtweg daran, dass es unzählige Models und Agenturen in Miami gibt. Zu den top-Agenturen gehören unter anderem Wilhelmina, Elite, Next, CGM und MC2. 

Online Portfolio auf der Agenturwebsite Wilhelmina Models
Online Portfolio auf der Agenturwebsite Wilhelmina Models
Meine Casting Must-haves: Transparentes Puder gegen ölig-glänzende Hautpartien, iPad mit meinem Model Book, Sedcards, High Heels und Wasser.
Meine Casting Must-haves: Transparentes Puder gegen ölig-glänzende Hautpartien, iPad mit meinem Model Book, Sedcards, High Heels und Wasser.

Bei einem Casting ist es von Bedeutung auf die Anforderungen des Kunden zu achten. So kann es sein, dass ein bestimmtes Styling gewünscht wird. Zum Beispiel Outdoorkleidung oder ein Cocktaildress. Ansonsten gilt figurbetonte Kleidung, Jeans und Top, Highheels. Immer dabei sollte man seine Sedcards oder auch Composits haben, auf denen die Maße, Daten der Agentur und Name des Models sowie eine Auswahl von aussagekräftigen Fotos abgebildet sind. Außerdem führt man sein Heiligtum, das Model Book, in print oder digital stets mit sich. Dieses Portfolio ist eine Sammlung der besten Fotos, Kampagnen und Editorials, die den Kunden überzeugen sollen. 

Bei Castings für TV-Spots wird zudem häufig nicht nur in Miami gecastet, sondern zusätzlich in den zwei anderen Model Hotspots Los Angeles und New York. 

Um so mehr freut man sich, wenn man eine Buchung erhält. In meinem Falle handelte es sich um meine erste große Buchung. Immerhin wurden für die Rolle 22000 Frauen gecastet. 

Beispielbilder von meinen Katalogjobs. 

Ich hatte zwar bereits direct bookings für online Kataloge bekommen, also Jobs ohne zu einem Casting gehen zu müssen, aber bislang noch keine TV Jobs erhalten. Dementsprechend aufgeregt war ich, als ich zu einem Callback für eine Game-Show eingeladen wurde, die weltweit bekannt ist. Die erste Runde hatte ich gemeistert und musste mich nun in einem zweiten Casting vor den Produzenten beweisen. Wie ich im Nachhinein erfuhr waren es im Callback immer noch 200 Models und davon würden nur 27 gebucht werden. 

Etwas nervenaufreibend wurde es dann doch, als die Daten für den Callback bekannt gegeben wurden. Als der Callback in Miami stattfinden sollte und mir das Datum mitgeteilt wurde, war ich bereits in New York. Wer meinen Blog verfolgt, weiß auch weshalb ich mich in New York aufhielt...für alle Neulinge: Mein Freund Jeff und ich feierten dort meinen Geburtstag nach. 

Kurzum, wir waren drauf und dran den Städtetrip um einige Tage zu verkürzen, um rechtzeitig in Miami zum Callback zu erscheinen. Meine Agentin hielt Rücksprache mit dem Kunden und ich konnte mein Glück nicht fassen, als es hieß, dass sie einen Tag später einen Termin für den Callback in New York hätten. Ich konnte also in New York City bleiben und zur Casting Agentur One on One gehen, die sich nur zehn Minuten mit dem Auto von unserem Hotel befand. 

Beim Callback ging es insbesondere um die eigene Persönlichkeit. Ich musste viel von mir erzählen: Über meinen Sport, meine Hobbies, meine Doktorarbeit und ich sollte von einem lustigen Ereignis in meinem Leben berichten, was ich skurril und was ich außergewöhnlich an meiner Heimatstadt finde und so weiter. Mir fiel nichts besseres als die Burgerbude von Burgermeister ein, die sich direkt unter der U-Bahnhofbrücke Schlesisches Tor in einer alt-Berliner Urinale befindet. Ja, richtig gelesen: Eine Urinale, in der man vor nicht all zu langer Zeit noch seine Notdurft verrichtete. Selbstverständlich wurde das Interieur vollständig herausgerissen, um Platz und vor allem hygienische Zustände für den Verkauf und die Verarbeitung von Lebensmitteln zu gewährleisten. Das fand ich schon ziemlich skurril, aber auch irgendwie typisch für Berlin. Anscheinend gefiel den Produzenten mein Interview, denn zwei Wochen später wurde ich von Miami nach L.A. zum ersten Fitting, einer Kleideranprobe, eingeflogen.

Tipp: Bei einem Fitting ist es wichtig kein Make-up zu tragen, um die Kleidung des Kunden nicht zu verunreinigen. 

Für das Fitting hat der Kunde bereits Kleidung in meiner Konfektionsgröße vorbereitet.
Für das Fitting hat der Kunde bereits Kleidung in meiner Konfektionsgröße vorbereitet.

Da sich L.A. gute fünf Stunden Flug von Miami befindet, musste ich einen Tag zuvor anreisen, im Hotel übernachten und am nächsten Tag sechs Stunden hintereinander Kleider anprobieren, bevor ich am späten Abend einen Nachtflug zurück nach Florida antrat. Aufgrund der Zeitverschiebung von drei Stunden landete ich erst am Morgen des darauffolgenden Tages. Somit waren für solch ein Fitting jedes Mal drei Tage betroffen. Insgesamt musste ich dieses Prozedere noch weitere drei Male durchlaufen, bevor es dann endlich losging. Obwohl sämtliche Fittings in L.A. stattfanden, wurden nicht die dort ansässigen Universal Studios für den Dreh bestimmt, sondern die Universal Studios in Orlando, Florida.

Außerdem mussten für diese Game Show alle Modelle einen Background Check durchlaufen. Es wurde geprüft, ob Nacktaufnahmen existierten oder kriminelle Aktivitäten in der Vergangenheit verübt wurden. Die Produktionsfirma wollte somit sicherstellen, dass es zu keinem Skandal bei einer Buchung eines bestimmten Models kommen würde. 

Da auf den Überraschungsmoment für den Relaunch dieser Show gesetzt wird und die Dreharbeiten noch bis Mitte August andauern, kann ich bis zur Ausstrahlung im amerikanischen Fernsehen nicht verraten, um welche Show es sich handelt. Bis dahin könnt ihr eure Vermutungen gerne in der Kommentarleiste teilen. 

Sobald die erste Sendung gezeigt wird, werde ich in einem detaillierten Blogeintrag über die Show und alles was hinter den Kulissen geschehen ist berichten.  

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Comments: 6
  • #1

    Krrish (Sunday, 08 July 2018 21:12)

    Hello gorgeous Anne

  • #2

    Astrid Prost (Sunday, 08 July 2018 23:55)

    Super gute Informationen. Wieder klasse und hilfreich geschrieben. Bin begeistert �

  • #3

    Cindy (Monday, 09 July 2018 07:28)

    Love your blog... ach ja und ich drehte gerade mit Nancy Röger, die mich bereits dank dir kannte, weil du immer meine Outfit trugst �

  • #4

    Bellush (Monday, 09 July 2018 08:32)

    Ahhh ich liebe es wie du schreibst. Und es ist spannend und wirklich interessant! Danke für deine Mühe!

  • #5

    Anne Julia (Monday, 09 July 2018 13:54)

    @Krrish: HI there :)

    @Astrid Prost: Danke, das freut mich sehr! :D

    @Cindy: Aww Dankeschön! Ich gebe mein Bestes. :)

    @Bellush: Das mache ich wirklich gerne! Schön, dass es auch beim Leser ankommt. :)

  • #6

    Beti (Friday, 24 August 2018 07:07)

    Was ein toller Post! So informativ und trotzdem leicht und locker! Danke für die tollen Einblicke in Dein Leben.