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Immer noch kein Visum, gar kein Visum oder doch? — Eine Achterbahn der Gefühle

Da stand ich wieder — am Flughafen.

Nicht, weil ich wollte, sondern, weil ich musste. Mit meinem Touristenvisum konnte ich nur bis zu 90 Tage in den USA verbringen. Gott sei Dank lagen Weihnachten und die besagte Frist nah beinander, sodass ich für zwei Wochen meine Familie besuchen wollte, um im Anschluss mit dem Visum wieder nach Miami zu reisen. Vorab hatte ich nämlich den Premiumservice für 1000 USD bezahlt, der eine Bearbeitung des Antrages innerhalb von 15 Kalendertagen bei der zuständigen Behörde (USCIS) garantiert. 

Kaum war ich in Berlin angekommen, ereilte mich die Hiobsbotschaft: die Behörde hatte zwar den Antrag bearbeitet, wollte aber mehr Material und Nachweise für die Bewilligung des O-1 Visums für „Person of Extraordinary Ability“ sehen. 

Damit hatte keiner gerechnet. Der Zeitplan wurde mal wieder völlig durcheinander geworfen. Panik machte sich bei mir breit. Mein Rückflug war für den 29. Dezember gebucht. Das bedeutete extremen Zeitdruck, insofern ich mit meinem Visum wieder einreisen wollte. So ziemlich alle möglichen Szenarien spielten sich parallel und kreuz und quer in meinen Gedanken ab:

Wenn ich das Visum jetzt nicht bekomme, muss ich in 90 Tagen wieder ausreisen und abermals einen Flug zahlen. Da schossen mir sofort die Worte des griesgrämigen Officers von der letzten USA Einreise in den Kopf: ‚Ihr Arbeitsvisum bekommen Sie besser schnell. Sie sind zu oft hier. Bei der nächsten Einreise kann es Probleme geben!‘ 

Dann müsste ich mit dem Risiko fliegen zurück geschickt zu werden. Und dann? Was dann? Außerdem würde ich immer noch nicht arbeiten dürfen. 

Wenn ich aber das Visum bekommen würde, bliebe dann noch ausreichend Zeit es bei der amerikanischen Botschaft in Berlin vor den Feiertagen abzuholen? Oder würde alles gut gehen und war somit das Kopfzerbrechen überflüssig? 

Also reichte ich die angeforderten Belege dementsprechend zügig nach und wartete angespannt auf die Rückmeldung meines Anwalts aus New York, der den Visaantrag für mich vorbereitet und eingereicht hatte. Die Vorweihnachtszeit konnte ich daher weniger genießen. 

Und es kam wie es kommen musste — wieder am Flughafen, wieder ohne Visum, wieder nur 90 Tage. Aber eigentlich kam es noch viel schlimmer...

 

Ich landete dieses Mal in Fort Lauderdale, da die Fluggesellschaften für die Flüge nach Miami vor dem Jahreswechsel utopische Preise verlangten. Während des Fluges sagte ich mir gebetsmühlenartig, das alles in Ordnung sein und ich problemlos einreisen würde. 

Als ich in der Schlange zur Passkontrolle stand, versuchte ich aus der Ferne das Wesen des bearbeitenden Beamten zu analysieren. Ich konnte hören, dass er viele Fragen stellte. Auch sein Gesichtsausdruck schien eher streng als freundlich. Je näher ich zu ihm aufrückte, desto mehr konnte ich sehen und hören. Den Pass jedes einzelnen Passagiers hielt er neben die jeweilige Person und beäugte beides mit scharfem Blick. „Na super!“, dachte ich mir. Wieder ein besonders Genauer. Nun war ich bereits an dem Punkt angelangt, an dem ich mir nur noch sagte: Alles wird so geschehen, wie es gesehen soll.

Und kurz darauf öffnete nebenan ein neuer Schalter. Nun teilte sich die Schlange nacheinander nach rechts und links. Den Einreisebeamten auf der linken Seite konnte ich nicht sehen. Somit konnte ich auch nicht urteilen, ob er besser als der bereits gemusterte Beamte auf der rechten Seite war oder nicht. Trotzdem hatte ich bei dem ersten Herren ein ungutes Gefühl. Dann rückten die zwei vor mir stehenden Touristen nach. Einer rechts, einer links. Wer würde zuerst fertig sein? In meinen Kopf lautete es nur: Links, links, links. LINKS!

Der Schalter auf der linken Seite wurde einen Augenblick früher frei und ich stürmte los. 

„Good Evening Sir.“ 

„Good Evening.“ 

Ich legte meinen Pass auf die Ablage. 

„Ah Germany! Guten Tag!“, er lachte herzlich und fragte mich, ob ich als Tourist oder geschäftlich einreise. Ich erwiderte, dass ich als Tourist einreisen wolle und ohne in meinem Pass zu blättern oder nach meiner Aufenthaltsdauer zu fragen, hatte ich in der gleichen Sekunde meinen Stempel im Pass. 

„Schöne Urlaub!“, rief er mir noch hinterher. 

So kann’s gehen... 

 

Nach zähen Tagen langen Wartens kam letztlich der Bescheid. In Form einer E-Mail erhielt ich die Antwort meines Antrags, der die gemeinsame Zukunft für Jeff und mich bestimmte, durch meine Agentur DAS Modelmanagement. Sehr nüchtern und anteilnahmslos stand darin, dass mein Antrag abgelehnt wurde. Kein Anruf, nur diese E-Mail. Ich erstarrte. Keine Träne lief mir über das Gesicht. Ich stand völlig neben mir. Die Tränen folgten später. Wie konnte das passieren? Warum wurde ich abgelehnt? Ich erhielt die Begründung der Behörde durch die durch mich beauftragte Kanzlei. Meine erhaltenen Preise wie der Miss Germany Titel wurden nicht anerkannt. Außerdem würden keine Belege für meine Signifikanz in der Zukunft vorliegen. Mein Anwalt war ebenso von dieser Entscheidung überrascht, sodass mir empfohlen wurde, einen neuen Antrag mit einer anderen, am besten größeren Agentur zu stellen, da ein Widerspruch mindestens 6 Monate dauern würde. So leicht wollte ich mich also nicht unterkriegen lassen. 

Ich entschied mich kurzerhand für die erste Variante. Nun hieß es eine renommierte Agentur für mich zu begeistern. Die Hürden lauteten demnach für mich eine neue, bekannte Agentur zu finden, bei dieser auch aufgenommen zu werden, dafür aus meinem bestehenden Vertag mit DAS Modelmanagement entlassen zu werden, um schließlich den bereits existierenden Antrag erneut einzureichen.

Eine renommierte Agentur war schnell gefunden: Wilhelmina Models — eine der prestigeträchtigsten und weltweit bekanntesten Modelagenturen. Auf eigene Faust ging ich zum wöchentlich veranstalteten Open-Call. Als ich im Mondrian, einem 4-Sterne Hotel in South Beach, die Suite mit dem Office der Agentur aufsuchte, standen bereits mehrere Models vor mir im Flur und warteten auf Audienz bei der Agenturdirektorin. Hinter mir verlängerte sich die Warteschlange beachtlich. 

Als es nach langer Wartezeit endlich losging, begutachtete eine Dame noch im Flur das jeweilige Portfolio und verabschiedete die dazugehörige Person entweder direkt oder nachdem dies von der Chefin entschieden wurde. Nach und nach wurde vor mir aussortiert und keiner schaffte es über die Türschwelle der Suite zu gelangen. Mein Herz schlug dementsprechend schneller. Dass ich noch nicht mal in Natura, sondern nur auf Grundlage meiner Fotos zunächst beurteilt werden würde, ob ich die Agenturchefin treffen könne oder nicht, wusste ich nicht. Immerhin verschwand die Dame mit meinem Modelportfolio hinter der Tür und ich und die anderen warteten weiterhin geduldig im Hotelflur. 

Dann durfte ich tatsächlich eintreten. So durcheinander hatte ich wahrscheinlich noch nie englisch gesprochen wie in diesem Vorstellungsgespräch. Meine Aufregung war mir sicherlich anzumerken, aber dies tat der Begeisterung der Agenten und der Direktorin keinen Abbruch. Offen berichtete ich von der Ablehnung meines Visaantrags und, dass ich eigentlich noch vertraglich an eine konkurrierende Agentur in Miami gebunden war. Die Direktorin versprach mir gegebenenfalls Hilfestellung zu leisten, falls es Probleme mit DAS geben sollte. Wir schossen Polas, alle zeigten sich voller Tatendrang und ich erhielt eine Einladung zur Wilhelmina Models Saison Auftaktveranstaltung im Club The Basement in Miami. 

Dann ging alles im Schnellverfahren. 

Noch am selben Tag regelte ich mit meiner ersten Agentur die Vertragsauflösung, die sich wie Schlussmachen anfühlte. Ich kam mir tatsächlich vor als würde ich mit jemanden einen Beziehung beenden. Aber wir gingen friedlich auseinander und prompt hielt ich meinen Release Letter in den Händen. So schnell, sagte mir die Direktorin von Wilhelmina Miami, habe sie noch nie einen Release Letter für ein Model erhalten. Ich unterzeichnete den Vertrag mit Wilhelmina. Dann hieß es erneut einen Haufen Geld zu bezahlen, um den Antrag dieses Mal mit Wilhelmina Models einzureichen und dann wartete ich...in der Zwischenzeit flog ich nach Asien, um dort für meine Freundin als Brautjungfer zu ihrer Hochzeit anwesend zu sein. Die 90 Tage Frist war somit schonmal eine Sorge weniger. Trotzdem schwang die Anspannung, ob der zweite Antrag nun genehmigt werden würde oder nicht, immer unterschwellig mit.

Und tatsächlich — die Zusage für mein O1 Visum für Personen mit besonderen Fähigkeiten erhielt ich, als ich in Bali war. Diese Befreiung und Erlösung kann man sich wahrscheinlich kaum vorstellen, wenn man sich nicht selbst in der Situation befindet. Mir fiel kein Stein, sondern ein Fels vom Herzen. 

Dass ich, die gleiche Person, nur mit einem Agenturwechsel nun doch die Zusage für ein Visum für die gleiche Kategorie wie zuvor erhalten hatte, fand ich schon ein starkes Stück! 

Da ich sowieso für die Hochzeit meiner Schwester einen Deutschlandaufenthalt geplant hatte, vereinbarte ich sofort einen Termin in der amerikanischen Botschaft. Zuvor musste ich ein ellenlanges online Formular ausfüllen, um überhaupt den Termin buchen zu können. Der Anwalt wies mich auch daraufhin, dass mich ein Interview erwarten würde, ich meine Fingerabdrücke und Pass abgeben müsse und: Fällt dieses Interview negativ aus, kann die Bewilligung des Visumsantrags zurückgezogen werden. Die Bewilligung schien nun doch nicht mehr so sicher. 

Klar, dass ich mir nun wieder Gedanken machte, da ja mein erster Antrag abgelehnt worden war. Welche Fragen würden gestellt werden? Welche Antworten sollte ich geben? 

Mein Anwalt empfahl mir alles andere als verhalten zu sein und selbstbewusst mit meinen nationalen und internationalen Erfolgen nicht hinterm Berg zu halten. Ich sollte durchaus erwähnen, dass mich eine der führenden Modelagenturen der Welt unter Vertrag genommen hatte. 

Am Tage des Interviews stand ich dann wie angeordnet ohne Mobiltelefon, ohne Tasche und sonstige Gegenstände nur mit meinem Pass und dem Nachweis der bestätigten Petition in der Warteschlange vor der amerikanischen Botschaft. Nach dem Sicherheitscheck in einer Art Schleuse, gelangte ich mit den anderen Bewerbern in das Gebäude. Trotz der vielen Menschen hatte ich in kurzer Zeit meine Fingerabdrücke abgegeben und wartete nun in der Reihe mit dem Schild „Interview“. 

Meine Aufregung stieg. Wie sollte ich dem Beamten die Ablehnung des ersten Antrags erklären? Würde er mich das überhaupt fragen? Würde es ein Problem sein, dass ich schon so oft in den USA war, würde mich das verdächtig machen? Ich könnte selbstverständlich alles erklären, schließlich wohnte ich bereits mit Jeff zusammen. Nun kam mir der Gedanke auf, dass die Tatsache, dass Jeff Amerikaner ist und ich seinetwegen so häufig in Miami war, den Beamten vielleicht zu dem Schluss kommen ließ, ich bräuchte eher ein Verlobten-Visum als ein Arbeitsvisum. Ich war ja nicht mehr in Deutschland gemeldet, hatte keine Wohnung und nichts mehr. Gedanken über Gedanken.

Als ich zum Schalter gewunken wurde, legte ich mal wieder meinen Pass auf die Ablage. Der Sachbearbeiter fragte mich, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreiten würde und ich erwiderte, dass ich Model sei. Er schien sehr nett und wollte wissen, ob ich bereits in Werbespots zu sehen gewesen sei. Ich antworte, dass ich schon in vielen Werbespots sowohl national als auch international mitgespielt hätte. Daraufhin erkundigte er sich, ob ich in Miami oder in Berlin wohnen würde. Ich sagte, dass ich in Miami wohnen würde, allerdings reise man als Model auch viel und sei daher immer unterwegs. Er lächelte und sagte: „Ihr Visum wurde bewilligt. Sie erhalten es in spätestens 7 Tagen per Post an die angegebene Adresse“. Ich war etwas irritiert. Das sollte das Interview gewesen sein!? Das war doch ein netter Smalltalk nebenbei! Wozu die ganze Aufregung, die Anmerkungen und Vorbereitungen meines Anwalts? 

Zwei Tage später hielt ich mein für drei Jahre ausgestelltes Arbeitsvisum in den Händen! Es war geschafft — die Gefühlsachterbahn der letzten Monate war endlich am Boden angekommen! 

Vielleicht sollte es so sein. Vielleicht sollte ich nicht mit DAS Management, sondern mit Wilhelmina Models zusammenarbeiten. 

 

Ich bin gespannt und voller Vorfreude was nun alles auf mich zukommen wird! 

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Comments: 7
  • #1

    AJHagenianer (Monday, 12 March 2018 03:44)

    Alles Gute und viel Spaß in: https://www.youtube.com/watch?v=IwBS6QGsH_4

  • #2

    AJHagenianer (Monday, 12 March 2018 03:50)

    Im Gegensatz zu Sarah Jane Scott, die den entgegengesetzten Weg gegangen ist, kannst du die Sprache und bist klar im Vorteil.

  • #3

    Bea (Monday, 12 March 2018 04:19)

    Yes yes yes! Glückwunsch und drücke die Daumen! Jetzt kann die Karriere starten :)

  • #4

    Onkel (Monday, 12 March 2018 06:05)

    Jetzt kannst du die USA richtig aufmischen!

  • #5

    Bellush (Monday, 12 March 2018 15:43)

    Endlich bist du angekommen und kannst in Ruhe deinen Wegen bestreiten. Viel Erfolg und Glück und unendlich viele Erlebnisse und positive Erfahrungen.

  • #6

    Cindy morawetz (Monday, 12 March 2018 16:17)

    Yes yes yes wie spannend ich hoffe noch ganz viel von dir zu lesen ☺️

  • #7

    Anne (Sunday, 18 March 2018 15:00)

    Ich freue mich so sehr für euch! Alles Gute und ich verfolge deinen Blog (bin auf Neuigkeiten sehr gespannt). LG, von auch einer hübschen Anne. :-)