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Vor dem Abflug — Jenseits von Zivilisation, Fast Food und Chris Brown

Wohnung aufgelöst, Möbel eingelagert, Auto abgegeben und 250 EUR Übergepäck bezahlt. Dann sitze ich mal wieder im Flieger von Berlin nach Miami. Das ist er jetzt, der Flug, der anders ist als die vorangegangenen. Der Flug mit dem Wissen, dass ich keine Wohnung und keinen fahrbaren Untersatz mehr in Berlin habe. Meine Vertragsverlängerung für ein Jahr als Lehrkraft habe ich abgesagt. Die Leinen sind los — auf zu neuen Ufern. 

Vier Wochen zuvor: Es war einiges mächtig dazwischen gekommen. Ich war gerade für einen Monat in Miami als uns die Nachricht ereilte, dass Hurrikan Irma mit hoher Wahrscheinlichkeit nun auch uns treffen würde. Die Nachrichten prophezeiten Dramatisches, sodass Jeff und ich entschieden zu seiner Verwandtschaft nach South Carolina zu fahren. Selbstverständlich wären wir lieber geflogen, aber die Panik war bereits ausgebrochen und alle Füge entweder ausgebucht oder so kostspielig, dass sie einfach unbezahlbar wurden. Gott sei Dank hatten wir vorsichtshalber bereits das Auto vollgetankt, sodass wir uns über die von der Polizei geregelten Schlangen an den Benzinzapfsäulen keine Gedanken mehr machen mussten. Auch waren die Supermarktregale inklusive aller Vorräte an Wasser leer gekauft. Das gab uns den letzten Anstoß uns auf den Weg nach Norden zu machen. Zu unserem Glück gerieten wir in keine größeren Verkehrsaufkommen und der Tank reichte auch bis Jacksonville. Von dort aus sah die Lage schon wieder entspannter aus. Zumindest gab es hier Benzin und keine Warteschlangen an den Tankstellen. Auf dem Weg Richtung Norden begegneten wir nämlich vielen geschlossenen Tankstellen und wenn sie geöffnet hatten, entstand schon mehrere Meter vor der Zufahrt ein langer Stau. 

Da waren wir nun. Nach 14 Stunden Autofahrt kamen wir morgens in der Frühe an unserem Ziel an. Das Ziel lautete Seneca. Ein sehr kleines, beschauliches Städtchen an der Grenze zu Georgia und North Carolina. Eine Stunde Autofahrt von Greenville, der nächsten Stadt und Zivilisation, entfernt. Hier begann die Langeweile. Es gab einen einzigen Supermarkt, Wallmart und unzählige fettige Fastfood Restaurants aber dafür viel Wald. Zumindest konnte ich zwei Mexikaner ausfindig machen, die gute, frische Guacamole und auch sonst recht passables Essen anboten. 

Nachdem wir eine Woche in South Carolina ausgeharrt und die Wetterentwicklungen mit Argusaugen beobachtet hatten, klingelte Jeffs Telefon. Wir mussten nach LA. Jeff hatte einen Job für Chris Brown und die Produktion des Musikvideos High End. Es war schon später Abend und wir sollten am nächsten Tag gleich mit dem ersten Flieger los.

Wir flogen von Atlanta, das zwei Autostunden von Seneca entfernt liegt. Unser Auto musste also dort bleiben und ich machte mir schon Gedanken, ob ich wohl meinen Rückflug von Miami antreten würde. 

Angekommen in LA wurde es nicht besser. Dank der Spontanität waren die meisten Hotels ausgebucht, sodass wir nach einigen Tagen im abgeschiedenen Airporthotel ein AirBnB bezogen. Der Strom im Haus in Miami funktionierte immer noch nicht, sodass sich eine Rückkehr für mich erstmal erledigte. Also wartete ich, bis ich einen günstigen Flug von Los Angeles nach Berlin fand und flog zurück — ohne Koffer, die standen in Miami. 

Alles musste schnell gehen. Nur drei Wochen Zeit blieben mir in Berlin, um alles zu organisieren. Erstes Problem: Keine Koffer! Die mussten unbedingt aufgetrieben werden. Meine älteste Schulfreundin rettete mich und lieh mir ihren. Weiter ging es zu meinen Eltern, ebenfalls Koffer einsammeln. Nun hatte ich drei Koffer und machte mich daran diese platzsparend vollzustopfen. 

Nach und nach begann ich dann alle Gegenstände meiner Wohnung sicher zu verpacken und für den Auszug vorzubereiten. Hier folgte das zweite Problem: Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem ich meinen Auszug geplant hatte, konnten die wenigsten Leute.

Zudem hatte ich einen Storage angemietet, der sowohl außergewöhnlich günstige Angebote hatte als auch über außergewöhnlich kleine Fahrstühle für ein Lager verfügte. Somit tauchte hier das dritte Problem auf: Wie sollten die 2m langen Schranktüren und Bettkästen in den Fahrstuhl passen?! Meine Lagerfläche befand sich selbstverständlich im letzten Stockwerk des Gebäudes, wovon ein halbes Geschoss nur über die Treppen zu erreichen war. Was man nicht alles tut, um Geld zu sparen. Deshalb befand sich ja auch der Storage in Marzahn (!), eine Autostunde von meinem Wohnort entfernt. 

Der Auszug gestaltete sich dementsprechend zum Abenteuer. Vor allem, weil wir bis zwei Tage vor Umzug nur drei Mädels waren! Wie sollen drei Frauen Waschmaschine, Massivholztischplatte, 2m Schranktüren und Bettteile und co aus der Wohnung in einen Transporter hieven und den Inhalt des Transporters nach zig Fahrten mit dem Aufzug ein halbes Geschoss bis zum Lagerraum tragen? Ich muss tatsächlich lachen, während ich das hier schreibe. Es war schon verrückt!

Es gehörte somit jede Menge Glück dazu, dass ich am Vorabend die Zusage erhielt, dass beim Transport männliche Unterstützung dabei sein würde. Ganz im Ernst — wir Mädels hätten das alles nie alleine geschafft! Erst recht nicht, da der Storage regulär um 22 Uhr seine Pforten schließt und wir mit dem Umzugswagen erst um 19 Uhr vor der Laderampe vorfuhren. Also wurde der Pförtner mit ´nem 10er bestochen und wir durften eine halbe Stunde überziehen. 

Nachdem wir dann Tetris Level 10 in meinem Lagerraum spielen durften, war endlich alles verstaut. 

Ich war fertig — fertig mit allem und den Nerven! 

Außerdem war ich total enttäuscht. Von wem und warum erfährst du in meinem nächsten Blogeintrag unter Challenges. 

 

 

 

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Comments: 8
  • #1

    Waltrud64 (Thursday, 25 January 2018)

    Sehr geehrte Frau Hagen,
    es wird mir ganz warm ums Herz wenn ich Ihre Geschichten lese zumal ich ähnliche Situationen und Erfahrungen in meinen jungen Jahren hatte. Meine negative Eigenschaft war immer meine zu große Neugierde und deshalb müssen Sie sich bitte beeilen mit Ihren nächsten Beiträgen.

  • #2

    Beata (Thursday, 01 February 2018 09:55)

    So stark, so schön und so gut!

  • #3

    Anna (Saturday, 10 February 2018 14:42)

    Hallo, sind Sie die aus dem LER Unterricht?

  • #4

    Anne Julia (Saturday, 10 February 2018 15:20)

    Vielen Dsnk for die obigen Kommentare!

    @Anna: hahah ja, ich bin „die“ aus den LER Unterricht.

  • #5

    Anne Julia (Saturday, 10 February 2018 15:20)

    Dem* :)

  • #6

    Jule (Monday, 12 February 2018 14:45)

    Finde toll, dass du uns durch diesen Blog an deinem Leben teilhaben lässt, du bist ein Vorbild für mich! Was hat das eigentlich mit dem LER Unterricht auf sich, wenn ich fragen darf? ^^

  • #7

    Anne Julia (Monday, 12 February 2018 17:57)

    @Jule: Danke! Das freut mich wirklich und ehrt mich zugleich! :) Ich habe zwei Jahre lang unterrichtet.

  • #8

    Jule (Tuesday, 13 February 2018 06:47)

    Cool, ich wusste gar nicht, dass du Lehramt studiert hast. Wie vielseitig du bist :)